Werkstoffforschung
Faserorientierung in spritzgegossenen Thermoplasten
Experiment, numerische Simulation und Vergleich mit der realen Materialstruktur im Rahmen der Doktorarbeit und gemeinsamer Fachpublikationen.
Der Prozess erzeugt auch die Materialstruktur
Bei kurzfaserverstärkten Thermoplasten ist die Orientierung der Verstärkung im Bauteil nicht überall gleich. Während der Formfüllung wird sie durch Materialfluss, Prozessbedingungen und Rheologie der Schmelze beeinflusst. Richtung und Orientierungsgrad der resultierenden Mikrostruktur können daher lokal unterschiedlich sein.
Dieser Zusammenhang war Teil der Doktorarbeit von Lukáš Likavčan, die 2017 mit einer Dissertation über den Einfluss von Spritzgießprozessparametern auf die Eigenschaften kurzfaserverstärkter thermoplastischer Formteile abgeschlossen wurde.
Eine CAE-Simulation kann die Faserorientierung vorhersagen. Ein Konturplot allein zeigt jedoch noch nicht, wie gut das Modell das tatsächlich hergestellte Bauteil beschreibt. Für eine technische Interpretation werden vergleichbare Informationen aus der realen Mikrostruktur benötigt.
Ein Solver-Ergebnis ist noch keine technische Schlussfolgerung. Deshalb wurden in den veröffentlichten Arbeiten numerische Ergebnisse mit einer experimentellen Bewertung der Faserorientierung durch materialographische und stereologische Methoden verglichen.
Von Prozessbedingungen zur Modellüberprüfung
Die öffentlich dokumentierte Forschungslinie verbindet Spritzgießen, numerische Vorhersage der Faserorientierung, materialographische Präparation realer Proben und den Vergleich beider Ergebnisarten. Ziel ist nicht nur eine Simulation, sondern eine vergleichbare Darstellung von Modell und physischer Beobachtung.
In Ways of Comparation of the Fibre Orientation in Injection Moulding Parts wurde Moldex3D für die Spritzgießsimulation eingesetzt. Die Publikation arbeitet mit richtungsbezogenen Orientierungsergebnissen und Komponenten eines Orientierungstensors zweiter Ordnung.
Quelle: Ways of Comparation of the Fibre Orientation in Injection Moulding Parts (2014) ↗
Entscheidend ist nicht die Softwaremarke selbst, sondern das Prinzip: Das Modell muss eine Größe liefern, die sinnvoll mit einer physischen Probe verglichen werden kann.
Die veröffentlichten Arbeiten nutzten materialographische Probenpräparation und stereologische Methoden zur Abschätzung der Orientierung kurzer Fasern in einer Polymermatrix. In einem publizierten Beispiel wurde ein spritzgegossenes PA6-Zahnrad mit Glasfaserverstärkung untersucht; Schnitte aus ausgewählten Bereichen wurden lichtmikroskopisch bewertet.
Quelle: Comparison of Fibre Orientation Using Simulation Software and Materialography (2016) ↗
Spritzgießen und Prozessbedingungen.
Numerische Vorhersage der Faserorientierung.
Materialographische Präparation und Beobachtung.
Technische Interpretation von Übereinstimmungen und Abweichungen.
Simulation und reale Mikrostruktur brauchen eine gemeinsame Vergleichsgröße
Die Arbeit von 2014 beschreibt ausdrücklich die experimentelle Überprüfung eines numerischen Modells über eine stereologische Abschätzung der Orientierung. Die spätere Publikation Comparison of Fibre Orientation Using Simulation Software and Materialography berichtet für die untersuchten Proben eine näherungsweise Übereinstimmung des Orientierungsgrades zwischen realer Struktur und Simulationssoftware.
Quellen: DOI 2014 ↗ · Volltext 2016 ↗
Was der Vergleich zeigt
Der Vergleich von Experiment und Simulation verdeutlicht ein allgemeines technisches Prinzip: Ein numerisches Modell ist dann wertvoll, wenn seine Eingaben, Annahmen und sein Bezug zum physischen Problem verstanden werden. Zu unterscheiden sind Modelleingaben, berechnete Ergebnisse, physisch beobachtete Struktur, Vergleichsmethode und Unsicherheiten.
Die Forschungslinie verbindet Werkstofftechnik, Polymerverarbeitung, kurzfaserverstärkte Thermoplaste, Spritzgießen, numerische Simulation, Materialographie, stereologische Bewertung und den Vergleich von Modellen mit Experimenten.
Es handelt sich um Doktor- und Gemeinschaftsforschung; einzelne publizierte Ergebnisse werden keiner Person allein zugeschrieben, sofern ein konkreter Beitrag nicht separat dokumentiert ist.
Wo die Grenzen liegen
Die publizierten Ergebnisse beziehen sich auf konkrete Werkstoffe, Proben, Geometrien und Prozessbedingungen und lassen sich nicht automatisch verallgemeinern. Numerische Simulation ersetzt außerdem keine experimentelle Überprüfung, wenn sie für eine konkrete technische Entscheidung erforderlich ist.
Die Seite verwendet ausschließlich öffentlich zugängliche Forschung und enthält keine vertraulichen Industriedaten.
Publikationen und Quellen
Die MTF STU dokumentiert das Dissertationsthema und die erfolgreiche Verteidigung von Lukáš Likavčan im August 2017. Betreuer: Prof. Maroš Martinkovič, PhD.
- 2017
Estimation of Fibre Orientation in Injection Moulding Plastics Parts
Maroš Martinkovič, Lukáš Likavčan
Materials Science Forum 891, 55–59
DOI ↗ - 2016
Comparison of Fibre Orientation Using Simulation Software and Materialography
Lukáš Likavčan, Maroš Martinkovič
Acta Technica Corviniensis 9(1), 71–77
Volltext ↗ - 2014
Ways of Comparation of the Fibre Orientation in Injection Moulding Parts
Lukáš Likavčan, Maroš Martinkovič, Jozef Bílik, Miroslav Košík
Research Papers MTF STU 22, Special Number, 109–114
DOI ↗ - 2013
Possibilities of Evaluation of the Fibre Orientation in Injection Moulding Parts
Maroš Martinkovič, Lukáš Likavčan
Technological Engineering 10(2), 26–28
DOI ↗